… oder lass es lieber!

„Ich will meine Ruhe und meinen Freiraum haben aber fühl mich dabei irgendwie so einsam. Ich will aber nicht einsam sein! Ich will nur alleine sein und meine Ruhe haben. Also jemanden, der für mich da ist aber großen Abstand hält“

Klingt alles ziemlich unlogisch, oder? Leider sind genau solche Gedanken gar nicht mal so selten. Im Gegenteil!

Es gibt Menschen, die in einer Beziehung leben, aber davor Angst haben. So große Angst, dass sie sich körperliche und emotionale Nähe zwar in gewisser Weise wünschen, aber so gut es geht vermeiden möchten. Ob man mit Bindungsangst gleichzeitig beziehungsunfähig ist, scheint Ansichtssache zu sein. Fest steht aber, dass dieses Verhalten andauernd zu Missverständnissen oder sogar zu Zweifel und Verunsicherung beim Partner führen kann.

Ok… Den Satz „Es liegt nicht an Dir, sondern an mir!“ verbindet der ein oder andere mit dem Ende einer Beziehung. Die Art von Formulierung wurde schon so oft im Zusammenhang mit dem Thema gebracht, dass er größtenteils an Glaubwürdigkeit verloren hat. Sicherlich gibt es viele Menschen, die sich genau diesen Satz aussuchen, um die (so schon) traurige Botschaft etwas abzumildern um den Partner nicht mehr als nötig zu verletzten.

Aber was ist mit denen, die die Aussage wirklich ernst meinen? Die Angst vor fester Bindung gibt es offiziell als Phobie wirklich! Und das nicht gerade selten! Gründe dafür sind sicherlich sehr verschieden.

Ein wichtiger Aspekt kann natürlich eine frühere Beziehung sein, die sehr verletztend oder hoch emotional war und ein prägendes Ende fand. Die Angst so eine Erfahrung erneut zu machen sitzt tief und blockiert die Person schlicht und einfach. Je stärker man für eine Person empfindet, desto tiefer kann man verletzt werden. Je stärker ein Mensch an unserem Herzen sitzt, desto höher ist die Gefahr uns von Innen heraus zu schaden. Einmal erlebt, sind sämtliche Eingänge zum Herz verschlossen und erst mit sehr viel Arbeit und noch mehr Vertrauen wieder zu öffnen. Wenn diese Eingänge noch geschlossen sind, und eine Person sich diesen trotzdem immer weiter nähert, wird sie weggestoßen um wieder Sicherheitsabstand zu gewinnen.

Soweit nachvollziehbar und bei jeder Person unterschiedlich stark ausgeprägt. Aber jetzt mal Hand aufs Herz! Wenn dem so wäre, würde das Leben doch vollkommen anders ablaufen, oder? Die wenigsten Personen die ich kenne, hatten bisher nur eine einzige Beziehung in ihrem Leben. Trotzdem wurde deshalb nicht jeder von ihnen nach Ende der ersten großen Liebe (die in den meisten Fällen eh nie bis zum Lebensende hält) beziehungsunfähig oder haben chronische Bindungsängste entwickelt. Trennungen prägen sicherlich das Verhalten in der nächsten Beziehung. Aber nicht so schlimm, dass Bindungsängste entstehen! Es muss also einen anderen Grund geben. Und den sehen einige Psychologen noch viel tiefer verankert! Nämlich in der Kindheit.

Sind also Mama oder Papa Schuld?

Es gibt genügend Untersuchungen die besagen, dass ein gestörtes Eltern-Kind-Verhältnis dazu beitragen kann, die Fähigkeit sich zu binden zu verlieren. Oftmals wurden diese Personen entweder vernächlässigt oder mit zu viel Aufmerksamkeit überschüttet. In den meisten Fällen sind Mütter die Bezugspersonen für kleine Kinder. Demzufolge ist es nicht verwunderlich, dass viel mehr erwachsene Männer an Bindungsängsten leiden als Frauen. Sie haben (unbewusst) Angst davor, von einer Frau wieder eingeengt, kontrolliert, enttäuscht oder allein gelassen zu werden. Auch Väter als Bezugspersonen können solche Ängste ungewollt in ihren Kindern auslösen.

Die Lösung dieser Ängste scheint für Betroffene oftmals schlichte Vermeidung von diesen Gefühlen oder die Flucht zu sein.

Natürlich sind sämtliche Bindungsversuche bei andauernder Flucht zum scheitern verurteilt. Aber diese Menschen machen das nicht bewusst oder mit Absicht. Je nachdem wie unterschiedlich stark diese Ängste ausgebildet sind, sind die Reaktionen darauf auch unterschiedlich groß. Auch die Tatsache, dass die Ursache dieser Reaktionen tiefer liegen als gedacht, wird bei den Personen oft nicht als schwerwiegend oder wichtig angesehen.

Dabei wünschen sie sich nichts mehr als Nähe.

Durch den Drang nach Flucht auf der einen Seite und dem Wunsch nach Nähe auf der anderen, treffen diese Personen ganz oft keine eindeutigen Aussagen. Es gibt kein reines „Ja“ oder explizites „Nein“ denn eine Festlegung würde die Fluchtmöglichkeit verbauen. Die Möglichkeit sich zurückzuziehen entfällt obwohl man eigentlich bleiben möchte. Ein ewiges „Jain“ was aber den Partner in der Regel verunsichert oder frustriert. Dann gehen Betroffene eine Beziehung ein (die sie ja möchte), halten sich aber die Möglichkeiten offen sich immer mal wieder zurückzuziehen. Wie ein Jo-Jo das andauernd auf und ab läuft zwischen Nähe und Distanz.

Problem dabei ist aber, dass man in Beziehungen Erwartungen erfüllen muss. Man hat Verpflichtungen oder gemeinsame Aufgaben zu bewältigen. Aber genau diese Erwartungen und Verpflichtungen sind für Menschen mit solchen Ängsten enorm anstrengend und fördern das Unwohlsein noch viel mehr. Auf der einen Seite engen diese eine Person ein oder beschränken sie zumindest in dessen Freiheit. Auf der anderen Seite aber muss man sie erfüllen und sich einengen lassen um den Partner nicht zu verletzen oder womöglich noch zu verlieren. Also egal was eine Person mit Bindungsangst macht, sie wird zwangsläufig mit der Kindheit oder den Ängsten konfrontiert. Ganz egal ob man als Kind vernachlässigt oder bemuttert wurde.

Dann kommt diese Person erneut an den Punkt, zu flüchten. Sich in andere Aufgaben zu stürzen, länger auf Arbeit zu bleiben oder sich anderswo zu verstecken. Dadurch leidet erneut die Nähe zum Partner. Man macht wieder komplett zu um neuen Abstand zu gewinnen und sich davor zu schützen. Im schlimmsten Fall kann durch diese Abkapselung sogar das Gefühl zum Partner leiden oder sogar ganz verschwinden.

Und die Zeit in der kein Druck existiert?…

… ist genauso schlimm wie die Momente in denen die Verpflichtungen ein Gefühl des Freiheitsverlustes darstellen. Denn in schönen Momenten wird einem erst so richtig bewusst, wie sehr man den Partner liebt und wie viel man für diese gemeinsame Zeit empfindet. Dann kommen Gedanken daran auf, dass man sich von dieser Person abhängig machen könnte und wie schmerzhaft der Verlust dieser Person sein würde. Und schon wird wieder dicht gemacht und neuer Abstand gewonnen.

Ganz egal in welcher Situation die Person mit Bindungsangst ist, der Abstand wird bei jeder Gelegenheit gesucht und notfalls selbst geschaffen.

Kleinigkeiten, wie der Besuch der Familie des Partners, alltägliche Verpflichtungen wie das Einkaufen oder körperliche Zuneigung, können mitunter zu enormen inneren Unruhen führen oder einen emotional erstarren lassen. Ganz egal wie sehr die Person sich auch anstrengt, der Kampf gegen diesen Drang wegzulaufen ist nervenaufreibend und belastet nicht nur die Person selbst, sondern auch die Beziehung.

Was macht dieses Verhalten mit dem Partner?

Dieser kann an dem kontinuierlichen Wechsel zwischen Nähe und Abstand auch ziemlich stark leiden. Selbstzweifel ob der Partner Schuld an der andauernden Distanz hat oder ob der Grund dafür fehlende Gefühle sind, können die Folge sein. Und oftmals versucht er natürlich Antworten auf diese Fragen finden und die Lücke wieder aufzufüllen. Der Versuch dem ängstlichen Partner wieder näher zu kommen, treiben den Teufelskreis weiter an und verursachen erneuten Druck und weitere Flucht. Je näher er versucht dem Partner zu kommen, desto weiter läuft dieser weg.

Die Lösung dieses Problems…

… sind zwei Möglichkeiten. Entweder man trennt sich oder man akzeptiert die Tatsache, den Partner nie wirklich nahe sein zu können. Durch den Entschluss die Distanz zu akzeptieren und die Freiräume zu geben fühlt sich die Person mit Bindungsangst nicht festgehalten und hat keinen Grund weglaufen zu müssen. Eine Garantie, ob dieser dann nicht doch wegläuft, gibt es leider nie. Aber es ist ein Anfang an dem Problem zu arbeiten. Erst dann kann der Partner anfangen seine Ängste zu besiegen. Den Grund ausfindig zu machen und zu lernen mit den Ängsten umzugehen und diese abzubauen um Vertrauen aufzubauen.

Das hört sich in der Theorie alles relativ einfach an. Aber wie es nunmal in fast jeder Situation ist, stellt die Praxis nochmal ganz andere Ansprüche. Aber es ist machbar,wenn beide Personen an diesem Problem arbeiten.

Ob die Gründe für Beziehungsangst nun in der Kindheit oder in der doch sehr aufwühlenden Vergangenheit in früheren Beziehungen liegt, ist von Fall zu Fall bestimmt verschieden. Fest steht aber, dass mit etwas Mühe, einer Zielsetzung und viel Entgegenkommen so einiges machbar ist. Und für Betroffene stellt die Tatsache, dass man jemanden an seiner Seite weiß, der für einen da ist und dennoch akzeptiert, wenn man weg muss, einen großen Rückhalt dar.

Steve 🙂

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