Das Buch "Meine Kindheit in Chemnitz" von Rolf Schumann im Handel erhältlich!

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„Meine Kindheit in Chemnitz“

Erinnerungen von Rolf Schumann

Buch über Kindheitserlebnisse in Hilbersdorf und Ebersdorf erschienen

Auszug aus dem Buch

von Rolf Schumann

„ […]

Ende April 1945


Der Ortsteil Chemnitz-Hilbersdorf war geprägt von der Reichsbahn und deren Anlagen. Da gab es das Ausbesserungswerk sowie den etwa zwei Kilometer langen Güter- und Rangierbahnhof mit Anlaufberg. In der Schule hatten wir gelernt, dass dieser einer der modernsten und größten Rangierbahnhöfe Europas sei. Nun ja, aber bestimmt war er der größte Deutschlands. Aus diesem Grund lebten die Einwohner von Hilbersdorf und Ebersdorf stets mit der Angst, die alliierte Luftwaffe würde das Bahngelände in Schutt und Asche legen. Am Ende des Krieges hatte der Güter- und Rangierbahnhof fast keinen Schaden genommen. Das Reichsbahnausbesserungswerk hatte es dagegen schwer erwischt.

Wenn man heute als Autofahrer aus der Innenstadt kommend in Richtung Chemnitz-Ebersdorf/Frankenberg fährt, kommt man, etwa 400 Meter nach der Trinitatiskirche, unter zwei Eisenbahnbrücken hindurch. Zunächst passiert man die größere von beiden, mit etwa 60 Metern Länge, dann die kleinere, mit nur 12 bis 15 Metern Ausdehnung. Steht man heute unter der größeren Brücke, sieht man, dass ein Stück fehlt. Die seitlichen Betonstützen links und rechts und auch ein Stück der Überquerung, das nach der Bombardierung angesetzt wurde, sind zu erkennen.

Im Frühjahr 1945 lebten wir infolge des Beschusses durch die Amerikaner in den Kellerräumen unseres Hauses. Um jedoch das Essen zubereiten zu können, mussten die Frauen für kurze Zeit in die Wohnungen zurück gehen, so auch an einem schönen Frühlingstag Ende April. Die Sonne schien. Heinz und ich stiegen zusammen mit Mutter die Stufen zu unserer Wohnung in der dritten Etage hinauf. Wir guckten zum Küchenfenster hinaus, um nach etwaigen Jabos (kurz für Jagdbomber) Ausschau zu halten. Und tatsächlich. Nach einigen Minuten erschienen drei einmotorige Flugzeuge in großer Höhe und kreisten über den Dächern. Ich war erstaunt. Was sollte das bedeuten? Hatten die Piloten uns am Fenster gesehen? Plötzlich kippten die Flugzeuge zur Seite und rasten mit großer Geschwindigkeit herunter, über die Häuser hinweg. Vor Angst schmissen wir uns auf den Küchenboden und es folgten drei ohrenbetäubende Einschläge. Die Häuser bebten, Scheiben klirrten, Putz fiel von den Wänden. Blitzschnell war alles wieder vorbei. Wir rappelten uns auf, rannten zu den Fenstern im Wohnzimmer und blickten in Richtung der Eisenbahnbrücken: Eine riesige Staub- und Dreckwolke breitete sich aus. Dort unten mussten die Bomben eingeschlagen haben. Ans Kochen war nicht mehr zu denken. Wir gingen in den Keller. Die anderen Hausbewohner waren kreidebleich. Was wurde getroffen? An die zwei Brücken dachten wir nicht. Warum auch die Brücken? Schon seit Wochen fuhr kein Zug mehr darüber und Truppentransporte gab es auch keine mehr. Nach ungefähr einer Stunde machte ich mich auf den Weg und schlich – immer an den Hauswänden entlang – in Richtung der Brücken. Tatsächlich. Hier hatten drei Bomben eingeschlagen und die größere der beiden Brücken war schwer getroffen. Allerdings nicht in der Mitte, sondern an dem Ende, welches in Richtung Innenstadt zeigte. Es fehlte fast ein Drittel der Brücke und ein riesiger, etwa zweieinhalb Meter hoher Schuttberg aus Beton, Stahl, Schienenteilen, Ziegeln und Schotter türmte sich vor meinen Füßen auf.
Zum Zeitpunkt des Einschlages befanden sich drei Zivilisten auf ihren Fahrrädern unter der Brücke, die nun tot auf dem Fußweg lagen. Ihre Räder fand man zerbeult auf dem damaligen Gelände der Tankstelle an der Zeppelinstraße (heute Zeißstraße). Ich konnte die Toten nicht ansehen und kehrte um, nach Hause in den Keller. Dort wurde noch immer über die Tiefflieger diskutiert, obwohl die amerikanische Artillerie schon wieder zu schießen begonnen hatte. Diesmal zum Glück nicht in Hilbersdorf. Lediglich ein einzelnes Flugzeug kreiste über uns, sicher ein Aufklärer, der Luftaufnahmen machte.
Jeder, der unter den Brücken hindurch musste, bahnte sich seinen Weg über den Trümmerberg hinweg. Das waren zu diesem Zeitpunkt vor allem Flüchtlinge mit Pferden und Wagen, die voll beladen waren mit Koffern, Taschen, Körben und Hausrat. Die Kutscher schlugen mit den Peitschen auf die Pferde ein, um sie zu Höchstleistungen anzutreiben. Auf der anderen Seite ging es im Galopp wieder hinunter. Es fuhren auch einzelne Lkws und ein Sturmgeschütz der Wehrmacht über den Schuttberg, so dass sich eine Fahrspur gebildet hatte. Durch diese war eine Überquerung des Trümmerhaufens besser zu bewältigen.

[…] „

Schumann, R. (2018). Meine Kindheit in Chemnitz. Limbach-Oberfrohna, Deutschland: edition claus.

Die Schilderung liest sich wie die Passage eines Romans über die Jahre des Zweiten Weltkrieges. Bei genauerer Betrachtung fällt dem/der Chemnitzer/in jedoch auf, dass die detailliert beschriebene Umgebung vertraut wirkt und man während des Lesens ein sehr genaues Bild des Erzählten bekommt. Tatsächlich handelt es sich bei dieser kurzen Geschichte nicht um den Auszug eines fiktiven Kriegsromans, sondern um die realen Erinnerungen eines in Chemnitz geborenen Mannes an seine Kindheit.

Es ist die Geschichte von Rolf Schumann, der 1931 geboren wurde und seine Kindheit in den Stadtteilen Hilbersdorf und Ebersdorf verbrachte. Von 1938 bis 1946 besuchte er die Volksschule in Hilbersdorf und schloss anschließend eine Lehre als Bau- und Möbeltischler ab. Es folgten Frau und vier Kinder. Als Senior begann er damit, seine Kindheitserinnerungen schriftlich festzuhalten und in einem gelben Hefter in der Schrankwank seines Wohnzimmers aufzubewahren.

Rolf Schumann 2007 in seiner Wohnung.
Quelle: Schumann, R. (2018). Meine Kindheit in Chemnitz. Limbach-Oberfrohna, Deutschland: edition claus.

Dass diese handgeschriebenen Zettel mit Erinnerungen an seine Kindheit letztendlich als zusammengefasstes und gedrucktes Buch im Handel erhältlich sind, ist vor allem Schumanns Enkelin Jenny Heinicke (39) zu verdanken. Die Grafikerin und Künstlerin, die ihren Lebensmittelpunkt in Zürich fand, hatte den Herzenswunsch, die Erzählungen und Erinnerungen ihres Großvaters für die Nachwelt festzuhalten und fertigte zehn handgemachte Exemplare des Buches an. Durch glückliche Umstände erreichte eines der Bücher den Verleger der edition claus aus Limbach-Oberfrohna – Christian Wobst. Genau wie Jenny und ihr Großvater wuchs auch er im Stadtteil Hilbersdorf auf und war von der eindrücklichen Erzählweise, der grafischen Gestaltung und der hochwertigen Ausstattung begeistert. Der Entschluss, dieses Werk in seinem Verlag als Buch herauszubringen, war geboren.

Besonders wichtig war beiden dabei jedoch, das Projekt von Jenny Heinicke weiterhin als hochwertige Herzensangelegenheit zu behandeln. Deshalb entschieden sich die beiden bewusst dafür, auf eine günstige Produktion mit Qualitätseinschränkungen zu verzichten, um möglichst nah am ursprünglichen Original herzustellen. Die renommierte Druckerei zu Altenburg in Thüringen sollte den Plan in die Tat umsetzen, was jedoch eine wirtschaftliche Herausforderung darstellte. Um die Veröffentlichung zu realisieren, entstand die Idee einen Teil der Herstellungskosten über die Crowdfunding Plattform „VisionBakery“ zu finanzieren. Mit 65 Unterstützern erreichten sie bis zum 05.03.2018 die benötigte Summe und konnten nach 10 Jahren den größten Wunsch des bis dahin leider schon verstorbenen Rolf Schumann doch noch erfüllen: Seit Dezember 2018 ist das Buch „Meine Kindheit in Chemnitz“ nun im Handel erhältlich.

Und das Ergebnis kann sich mehr als sehen lassen. Auf 223 Seiten werden mehrere kleine Geschichten einer glücklichen Kindheit und Jugend in Hilbersdorf chronologisch und sehr detailgetreu erzählt. Aber auch die tragischen und einschneidenden Geschehnisse des Zweiten Weltkrieges sind als Bestandteil der Erinnerungen im Buch aufgeführt. Der Leser entwickelt von Anfang an eine gewisse Vertrautheit zu Rolf Schumann und kann den Erzählungen leicht folgen. Nicht selten entdeckt man bestimmte Parallelen zu den Geschichten der eigenen Eltern oder Großeltern, die das Buch noch authentischer werden lassen. Besonders als Chemnitzer/in kann man leicht in die Geschichten eintauchen, wenn Schumann die Wohnhäuser, Geschäfte oder Spielplätze des Stadtteils beschreibt, die man selbst aus heutiger Sicht kennt. Untermalt werden die erläuterten Bilder durch eine Reihe alter Fotografien von Chemnitz (Karl-Marx-Stadt) und Familienportraits der Schumanns, die als Bildcollagen gestaltet sind. Somit wird eine ganz besondere Verbindung zwischen dem Leser und der Zeit zwischen 1931 und 1947 hergestellt.

Quelle: https://jennyjeyheinicke.com

Anders als für Chemnitzer Leser/innen, kann die Zuordnung einzelner Umgebungsbeschreibungen für ortsfremde Menschen zu einer kleinen Herausforderung werden. Doch hier hatte Jenny Heinicke die Idee, die Erzählungen von Rolf Schumann noch lebendiger zu machen, indem jedem Exemplar eine illustrierte Landkarte der Stadtteile Hilbersdorf und Ebersdorf beigelegt ist. Aber nicht nur Straßennamen oder Gebäude können so durch Ortsfremde nachvollzogen werden. Auch vereinzelte Endnoten und Erläuterungen einiger Begriffe erleichtern das Verständnis für die beschrieben Erinnerungen. Vor allem regionale Gerichte, veraltete Bezeichnungen oder damals berühmte Persönlichkeiten werden dem Leser zusätzlich erklärt. Das Buch ist damit ein sehr liebevoll umgesetztes, emotionales und persönliches Dokument Chemnitzer Zeitgeschichte für Jedermann. Die Älteren können mit dem Buch ihre eigenen Erinnerungen auffrischen, für die jüngere Generation soll es ein Streifzug durch die Vergangenheit ihrer Heimatstadt sein.

Steve Drewitz

ISBN: 978-3-9818883-2-4
Preis: 19,95 Euro

Hier kannst Du das Buch direkt beim Verlag bestellen.


Am 21. Februar 2019 wollen Designerin Jenny Heinicke und Verleger Christian Wobst das Buch ab 17 Uhr in der Stadtbibliothek Chemnitz offiziell vorstellen. Dabei werden die beiden nicht nur einige Passagen aus dem Buch vorlesen, sondern auch über die Entstehungsgeschichte von „Meine Kindheit in Chemnitz“ sprechen. Sie freuen sich auf zahlreiche Interessenten.


Der Eintritt ist frei.


http://www.buemue12.de/index.php?id=18


Dieser Artikel erschien im Stadtteilmagazin „BISS“.

Download der Ausgabe 1 / 2019

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