"Teilzeitpolitiker" im Social Web

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"Teilzeitpolitiker" im Social Web

Anfang 2016 hielten viele Amerikaner den Politiker Donald Trump für eine nicht ernstzunehmende Person, die kaum in der Lage zu sein scheint, eine Weltmacht wie die Vereinigten Staaten von Amerika zu führen. Er war ein Mann, dessen digitale Fähigkeiten darin bestanden teils bösartige und verletzende Meinungen über den Kurznachrichtendienst Twitter ins Netz zu stellen. Seine Vorgehensweise schien simpel und auf kein größeres Ziel ausgerichtet zu sein. Dachte man zumindest! Nach seinem Wahlsieg Ende 2016, wurden jedoch die Details einer langen und gut geplanten digitalen Wahlkampfstrategie bekannt. Sein Erfolg begründet sich nach Ansicht vieler Politikwissenschaftler maßgeblich durch den gezielten Einsatz dieser Sozialen Medien. Es zeigte sich, dass Donald Trump Methoden der Online-Vermarktung angewandt hat, die so konsequent noch nie in der Politik genutzt wurden und ihn trotz seiner scheinbaren Unfähigkeit zum wohl mächtigsten und einflussreichsten Mann der Welt machten. (vgl. Stanford History Education Group, 2016)

Aber wieso haben Soziale Medien einen solchen Einfluss auf die politische Mitgestaltung?

Abhängigkeit von Sozialen Medien
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Wenn es doch alle anderen machen?!

Durch den zunehmenden Einfluss des Internets auf alle Schichten der Gesellschaft, haben sich neue Formen der Teilnahme am politischen Geschehen entwickelt. (Chadwick & Howard, 2008) Sozialwissenschaftler beschäftigen sich jedoch schon seit der Entwicklung und Etablierung sozialer Netzwerke wie Facebook, Twitter oder Instagram mit den Ursachen, Erscheinungsformen und Folgen der Nutzung dieser Dienste. Oft kann eine bestimmte Handlung oder eine Einstellung zu einem Thema auf soziale Beziehungen oder auf das soziale Kapital zurückgeführt werden. (Bourdieu, 1983; Coleman, 1990; Lin, 2001)

 

“In Lourys Definition ist mit sozialem Kapital die Menge der Ressourcen gemeint, die in Familienbeziehungen und in sozialen Organisationen der Gemeinschaft enthalten sind und die die kognitive oder soziale Entwicklung fördern.“

(Loury 1977, 1987 zit. in Coleman 1990, 1991)

 

Ein hohes Soziales Kapital erleichtert demzufolge assoziatives Verhalten und fördert zusätzlich eine starke Zivilgesellschaft. Wenn Menschen an bürgerlichen und politischen Aktivitäten teilnehmen, haben sie eine Stimme in öffentlichen Angelegenheiten, können Behörden zur Rechenschaft ziehen und sind befugt, in ihrem eigenen Namen zu handeln. (Verba, Schlozman, & Brady, 1995) Das Potential an der Mitbestimmung teilzunehmen kommt im Fall der sozialen Medien stark zum Tragen, denn durch den direkten Austausch mit politischen Institutionen entwickelt der Nutzer das Gefühl, seine Ansichten und Meinungen direkt an den Empfänger richten zu können. Außerdem macht der direkte Kontakt politische Institutionen und Beamte reaktionsfähiger, was sich in einem effektiveren politischen System bemerkbar macht. Somit lassen sich soziale Netzwerke als „neues“ Werkzeug der Demokratie betrachten, zu denen es bereits 2009 einschlägige Ergebnisse in Studien gab, die bei traditionellen Informationsquellen und neuen Formen der Onlinekommunikation (wie z.B. Blogs) ähnliche Ergebnisse beobachten konnten. (Gil de Zuniga, Puig-i-Abril & Rojas, 2009).

Frau mit Handy auf der Couch
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Als Folge dessen nehmen mehr Menschen am politischen Geschehen effektiv teil. Wohingegen Meinungsäußerungen früher darin bestand, sich mit anderen Personen an einer öffentlichen Demonstration zu beteiligen, bieten soziale Medien eine einfache und schnelle Möglichkeit auf einen bestimmten Missstand aufmerksam zu machen und dadurch möglichst viele Empfänger und vor allem Entscheidungsträger zu erreichen, ohne das Haus selbst verlassen zu müssen. Demzufolge nehmen immer mehr Bürgerinnen und Bürger ihr Recht und ihre Möglichkeit zur Mitbestimmung in der digitalen Umgebung wahr.

 

Facebook und Co. sind kompakt, verständlich und kontinuierlich präsent

Ein weiterer wichtiger Punkt, der politischen Teilhabe und Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern ist die Tatsache, dass Soziale Medien adäquate und relevante Informationen aktuell und verständlich bereitstellen und somit den demokratischen Prozess weiter antreiben.
Dadurch gelangen Informationen über gesellschaftliche Probleme und Gegebenheiten an eine Vielzahl von Menschen, ohne dass diese gezielt nach den Informationen gesucht haben.

 

„Während Sie vormals aktiv nach Informationen suchen mussten (Fernseher einschalten, Zeitung kaufen, bei Google eine Suchanfrage stellen), werden Sie heute auf Facebook sprichwörtlich mit Nachrichten gefüttert.“

(Tretbar, 2016)

 

Durch soziale Medien sind politische Vorgänge also in gewisser Form omnipräsent, was zu einer unbewussten Weiterbildung führt, durch Ausarbeitungs- und Reflexionsmechanismen weiteres politisches Wissen aufbaut und letztendlich zur Meinungsbildung beiträgt. (Gil de Zuniga et al., 2012) Förderlich ist hierbei die Tatsache, dass der Informationsgehalt in sozialen Netzwerken für die Allgemeinheit zugänglich und dementsprechend vereinfacht, gefiltert und aufbereitet dargestellt wird. Dies führt dazu, dass politische Inhalte für den Nutzer einfacher zugänglich gemacht werden und dieser weiteres Wissen zur Meinungsbildung generieren kann. Politische Entscheidungen und Gegebenheiten müssen durch den Einsatz von Sozialen Medien nicht mehr zwingend durch aufwendige Eigenrecherche reflektiert oder analysiert werden, was den Nutzer indirekt ein einfaches Interesse aufbauen lässt.

 

Soziale Medien gestalten mittlerweile Gesellschaft und Politik!

Reichstag Berlin
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Die Möglichkeit sich somit aufgrund der Nutzung von Sozialen Medien rationales politisches Wissen anzueignen und durch die Tatsache im direkten Kontakt zu anderen Menschen über spezielle Themen kommunizieren zu können, wirkt sich positiv auf die Bildung der persönlichen und politischen Identität aus. (Harter, 1999) Durch diese intensivere Möglichkeit eine eigene politische Meinung zu bilden und somit das eigene soziale Kapital im Austausch mit anderen auszubauen, steigert die Teilnahme am politischen Geschehen bei allen Schichten der Gesellschaft. Bereits in einer Studie von 2012 bestätigten Forscher diesen positiven signifikanten Zusammenhang zwischen dem Nutzungsverhalten sozialer Dienste und der politischen Beteiligung sowohl im Online- als auch im Offline-Bereich. (Gil de Zuniga et al., 2012)

Deshalb wurden Soziale Netzwerke im Laufe der letzten Jahre ein wichtiges politisches Empfehlungs- und Kommunikationsmedium.

Laut einer weiteren amerikanischen Studie haben sich bereits im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen 2012 fast ein Viertel der Befragten über Facebook und Twitter mit Ihren Freunden und Followern über die Frage ausgetauscht, welchem Kandidaten sie ihre Stimme geben sollen. Dabei gaben 30 Prozent der Studienteilnehmer an, sie seien in den sozialen Netzwerken von Freunden oder Familienmitglieder angeregt worden, für einen bestimmten Kandidaten zu stimmen. Weitere 20 Prozent erklärten, sie hätten Soziale Medien genutzt, um andere davon zu überzeugen, zur Wahl zu gehen. (Rainie, 2012)

 

Aber Vorsicht! Es existieren nicht nur Vorteile

Die Nutzung von Netzwerkdiensten kann nicht nur politisch weiterbilden, sondern auch negativ beeinflussen. Vor allem dadurch, was der Großteil anderer Teilnehmer von Sozialen Medien bereitstellt und wie der Netzwerkdienst selbst auftritt. Gerade Plattformen wie Facebook haben eine unzählige Fülle von Informationen zu bieten, die dem Nutzer nicht im vollen Umfang gezeigt werden kann. Demzufolge werden diese Informationen auf Grundlage des vorangegangenen Nutzungsverhaltens gefiltert und aufbereitet dargeboten. Falls der Nutzer einem Beitrag einer bestimmten Meinung oder politischen Einstellung positiv entgegen stand, liefert der Netzwerkdienst aufgrund des automatisierten Algorithmus weitere Beitrage oder Veröffentlichungen dieser Art. Das führt dazu, dass immer mehr dieser spezifischen Meinungen angezeigt und demzufolge rezipiert werden und dadurch die Meinungsbildung in gewisser Art und Weise beeinflusst werden kann. (Tretbar, 2016) Eine Nutzer, der sich negative Meldungen in der Flüchtlingspolitik durchgelesen hat, bekommt von Facebook automatisch immer mehr dieser Meldungen angezeigt und dafür werden andere Nachrichten aus der Darstellung verdrängt. Das kann beim jeweiligen Nutzer mitunter den Eindruck erwecken, die aktuelle Lage bestünde ausschließlich aus negativen Meldungen zum Thema Flüchtlingspolitik. Die Folge davon ist ein verzerrtes Bild der Realität und eine falsche Meinungsbildung zu einem bestimmten Thema.

Computer
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Dieser Aspekt tritt jedoch nicht nur durch mathematisch berechnete Algorithmen in einem computergesteuerten System auf, sondern kann von Seite der Politiker und Parteien bewusst genutzt und eingesetzt werden.

Nach dem Vorbild Trumps bietet auch in der politischen Landschaft der Bundesrepublik Deutschland eine rechtspopulistische Partei ein aktuelles Beispiel dieser effektiven Beeinflussung der Rezipienten. Die erst 2013 gegründete Partei „Alternative für Deutschland“ macht sich die vorangegangenen Aspekte der Verbreitung in sozialen Netzwerken zur eigenen politischen Vermarktung gezielt zunutze. Durch bestimmte veröffentlichte Inhalte, die den Vorstellungen vieler Nutzer von Sozialen Medien entspricht, baute die Partei ein digitales Scheinbild in den Netzwerkdiensten auf. Dadurch konnte die Beeinflussung vieler Nutzer erreicht werden und Inhalte in kürzester Zeit eine große Reichweite erzielen. Genau aus diesem Grund schaffte es eine Partei (ähnlich dem amerikanischen Vorbild) innerhalb weniger Jahre zu enormen Wachstum. Die Eigenschaft, dass soziale Medien politische Informationen weiterleiten und bürgerverständlich verbreitet werden können, stellt in diesem Fall ein gewisses Risiko dar.

Mittlerweile ist es sehr vielen Nutzern zusätzlich weniger wichtig, den Hintergrund oder den wirklichen Wert solcher Information zu erkennen. Dies zeigt sich auch in einer amerikanischen Studie der Stanford University von 2016, in der belegt werden konnte, dass vor allem Jugendliche immer weniger zwischen echten Nachrichten und gesponserten Informationen unterscheiden können. Vielmehr wird der Nutzen oder die Glaubwürdigkeit einer Meldung daran bemessen, welche Details den Inhalt bilden, als zu hinterfragen woher die Quelle stammt. (Stanford History Education Group, 2016) Die rechtspopulistische Partei machte sich diesen Punkt zunutze und konnte somit ganz bewusst ein falsches Image verbreiten.

 

“Alternative Fakten” und “Fake-News”

Eine weitere zu beachtende Gefahr der schnellen und allumfassenden Informationsverbreitung über soziale Plattformen stellt die Tatsache dar, dass neben wahrheitsgetreuen Fakten auch sogenannte „Fake-News“ verbreitet werden können.

 

“Laut Facebook-Gründer Mark Zuckerberg bilden diese Art von Nachrichten einen kleinen, aber immerhin ganz wesentlichen Teil der gesamten Social Media-Landschaft , die dazu beitragen ein falsches politisches Verständnis aufzubauen und in Folge dessen unbegründete gesellschaftspolitische Handlungen auszulösen.”

(Tretbar, 2016)

 

Und genau hier wird ein großes Problem deutlich, welches ein Risiko für demokratische Regierungssysteme oder die eigene politische Meinungsbildung der Nutzer darstellen kann.

Zu erwähnen ist an dieser Stelle jedoch, dass netzbasierte Diskussionen und politische Problematiken in sozialen Medien nur kurzzeitig und größtenteils nutzerbezogen sind. Außerdem wird aufgrund der Vielzahl der Teilnehmer mit unterschiedlichen Ansichten und Informationen in den meisten Fällen ein Thema nur oberflächlich behandelt. Dennoch trägt die teilweise große Anonymität in Netzwerkdiensten dazu bei, sachliche Argumente oder Meinungen in einer übertriebenen Art und Weise darzustellen und führt dazu, dass schwerwiegende Themen nicht im vollen Umfang aufgefasst werden können oder ein verzerrtes Bild der Realität entsteht. Dadurch wird wiederum ein falsches Verständnis für politische Belange aufgebaut.

 

 

Fazit:

Es wird deutlich, dass Soziale Medien als neues Werkzeug der Politik einige Möglichkeiten aber auch potentielle Gefahren bereitstellen.

Auf der einen Seite kann ein demokratisches Regierungssystem direkt vom Volk kontrolliert und beeinflusst werden. Auf der anderen Seite bergen Soziale Medien jedoch Gefahren für eben dieses System, wenn sie gezielt zur Manipulation der Nutzer angewendet werden. An diesem Punkt wird ebenfalls deutlich, wie wichtig ein richtiger und vor allem verantwortungsbewusster Umgang mit diesen Diensten gegenwärtig ist und in Zukunft sein wird.

 

 

by Steve Drewitz

 


Literatur
Bourdieu, P. (1983). Forms of capital. In J. G. Richardson (Ed.), Handbook of theory and research for the sociology of education (pp. 241–258). New York: Greenwood Press.
Chadwick, A., & Howard, P. N. (Eds.). (2008). Routledge handbook of internet politics. London: Routledge.
Coleman, J. S. (1990). Foundations of social theory. Cambridge, MA: Harvard University Press.
Gil de Zuniga, H., Puig-i-Abril, E., & Rojas, H. (2009). Weblogs, traditional sources online and political participation: an assessment of how the internet is changing the political environment. New Media & Society, 11(4), 553–574.
Gil De Zuniga, H., Jung, N., Valenzuela, S., (2012). “Social Media use for news and individual’s Social Capital, Civic Engagement and Political Participation”, Journal of Computer-Mediated Communication, 17: pp. 319336.
Harter, S. (1999). The construction of the self: A developmental perspective. New York: Guilford Press
Lin, N. (2001). Social capital: A theory of social structure and action. Cambridge: Cambridge University Press.
Loury, Glenn (1977): A Dynamic Theory of Racial Income Differences, Wallace, P.A. and A. Le Mund (eds.): Woman, Minorities, and Employment Discrimination, Lexington, Mass: Lexingtion Books.
Rainie, L. , (2012). “Social Media and Voting”, Pew Research Center, Washington D.C.
Stanford History Education Group.(2016) Evaluating Information: The Cornerstone of Civic Online Reasoning. 2016. Zuletzt geprüft am 15.01.2018. https://sheg.stanford.edu/upload/V3LessonPlans/Executive%20Summary %2011.21.16.pdf.
Tretbar, C. (2016, 23.11.) o.T. [Blog-Eintrag], Fluch und Segen der Filterblase. Abgerufen von [http://www.tagesspiegel.de/politik/soziale-netzwerke-in-der-politikgefaehrden-soziale-netzwerke-die-demokratie/14880352-2.html] am 10.01.2018.
Verba, S., Schlozman, K. L., & Brady, H. E. (1995). Voice and equality: Civic voluntarism in american politics. Cambridge, MA: Harvard University Press.
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